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Baltische Welle

Perspektive Deutschland? Ein interessantes Gespräch in Kaliningrad

Vor einigen Tagen erhielt ich einen Anruf. Ein Bekannter wollte einen Gesprächskontakt mit einem Kaliningrader Bürger herstellen. „Ihr kennt Euch“, - meinte er. Ihr habt Euch ziemlich häufig zu offiziellen Anlässen in Kaliningrad getroffen, aber niemals privat. Nun ging es um ein privates Treffen und ich willigte ein. Während des Treffens, es kamen mehrere Personen, erfuhr ich, dass jemand eine Übersiedlung nach Deutschland plant. Der russische Bürger, der die Übersiedlung plant, lebt seit rund zehn Jahren in Polen, arbeitet dort, hat Wohneigentum. In Kürze läuft seine Aufenthaltsgenehmigung ab und wird durch Polen nicht verlängert. Man muss also das Land verlassen. „Selbst wenn meine Aufenthaltsgenehmigung verlängert werden würde, will ich aus Polen ausreisen, denn die zwischenmenschliche Situation ist angespannt, die tägliche Diskreditierung groß. Ich weiß nicht, wie sich das alles entwickelt und muss mich rechtzeitig neu orientieren“, - so der russische Bürger. Er denke, dass Deutsc

Vor einigen Tagen erhielt ich einen Anruf. Ein Bekannter wollte einen Gesprächskontakt mit einem Kaliningrader Bürger herstellen. „Ihr kennt Euch“, - meinte er. Ihr habt Euch ziemlich häufig zu offiziellen Anlässen in Kaliningrad getroffen, aber niemals privat. Nun ging es um ein privates Treffen und ich willigte ein.

Während des Treffens, es kamen mehrere Personen, erfuhr ich, dass jemand eine Übersiedlung nach Deutschland plant. Der russische Bürger, der die Übersiedlung plant, lebt seit rund zehn Jahren in Polen, arbeitet dort, hat Wohneigentum. In Kürze läuft seine Aufenthaltsgenehmigung ab und wird durch Polen nicht verlängert. Man muss also das Land verlassen.

„Selbst wenn meine Aufenthaltsgenehmigung verlängert werden würde, will ich aus Polen ausreisen, denn die zwischenmenschliche Situation ist angespannt, die tägliche Diskreditierung groß. Ich weiß nicht, wie sich das alles entwickelt und muss mich rechtzeitig neu orientieren“, - so der russische Bürger.

Er denke, dass Deutschland für ihn eine neue Perspektive sei und er wollte sich mit einem Deutschen unterhalten, der ein wenig aus dem ganz normalen deutschen Alltag plaudert, um neue Denkanstöße für die Pläne zu geben.

Ich fing damit an, dass ich erklärte, dass ich mich nun schon nicht mehr so gut im täglichen deutschen Leben auskenne. Ich warnte auch, dass ich eine ziemlich kritische Einstellung zu Deutschland habe und wohl kaum ermunternde Worte finden werde, um die Übersiedlung voranzutreiben.

„Warum kommen Sie nicht in die Heimat zurück? Hier werden Leute gebraucht, die nach dem Ende der Kolonialzeit alles wieder neu aufbauen. Sie finden hier problemlos Ihre Nische, in die Sie sich einbringen können“, - so mein fragender Kommentar.

Er blieb vorerst unbeantwortet.

Ich erfuhr, dass der junge Mann einen Kurs für deutsche Sprache besucht. Das ist schon mal nicht schlecht.

Ich erfuhr auch, dass der Mann einen Beruf hat, den ich als „0815“ bezeichnen würde – also nichts Besonderes, kein Defizit in Deutschland.

„Sie werden Schwierigkeiten haben, in Deutschland Arbeit zu finden. Wenn Sie in Ihrer Qualifikation Arbeit finden, dann sicher an der untersten Tarifgrenze. Und wollen Sie als russischer Sklave in Deutschland arbeiten?

Ich erfuhr, dass der junge Mann kein Millionär ist. Ich erzählte ihm, wie schwierig es jetzt in Deutschland ist, überhaupt irgendeine Wohnung zu mieten. Wenn man genügend Geld hat, findet man natürlich eine Wohnung. Aber der junge Mann hat nicht genügend Geld.

Dann erzählte ich ihm, dass er ohne offizielle Arbeit, mit offiziellem Arbeitsvertrag und offiziellem, ausreichend hohem Einkommen, in Deutschland niemals eine Wohnung finden wird. Ich hoffe, ich habe da nichts Verkehrtes erzählt, als ich ihm sagte, dass sich in dieser Frage die Katze in den eigenen Schwanz beißt, denn ohne festen Wohnsitz gibt es auch keinen Arbeitsvertrag. Und ohne Arbeitsvertrag gibt es keine Wohnung.

Dann habe ich ihm ein paar Preise genannt: Ein Fahrschein im Nahverkehr, ein Liter Sprit an der Tankstelle, Preise für kommunale Dienstleistungen. Mein Gesprächspartner wurde spürbar nachdenklicher.

Ich empfahl ihm, einmal nachzurechnen, wieviel Geld er in Russland als Gehalt erhalten würde und wieviel am Ende des Monats nach allen Fix-Abzügen noch übrigbleibt. Vermutlich sehr wenig. Natürlich erhält er in Deutschland ein wesentlich höheres Gehalt. Aber am Ende des Monats wird er sich in der gleichen Lage befinden, wie in Russland. Worin besteht also der Vorteil, in Deutschland zu leben?

Meine Frage, in welchem sozialen Umfeld er in Deutschland leben will, blieb unbeantwortet. Ich ergänzte noch, dass Deutsche bestimmt nicht Schlange stehen werden, um mit ihm Freundschaft zu schließen. Vielleicht hat er Glück und in der deutschen Stadt seiner Träume gibt es eine russische Diaspora.

Und was machen Sie, wenn auch Deutschland den Aufenthaltstitel, das Arbeitsvisum oder die Aufenthaltsgenehmigung nicht mehr verlängert, weil sich die Situation zwischen Deutschland und Russland weiter zuspitzt und alle Russen potentielle Spione sind und das Land verlassen müssen? Fangen Sie dann wieder von vorne an?

Rund 90 Minuten hatte ich meine Bedenken dargelegt. Ob ich überzeugend war, weiß ich nicht. Aber die Tendenz, dass sich immer mehr Deutsche auch ein Leben in Russland vorstellen können, zeigt mir, dass ich mit meiner Argumentation wohl nicht ganz verkehrt gelegen habe.

Kaum, dass ich den Beitrag fertiggestellt hatte, flatterte noch eine Nachricht zu dieser Thematik in meinen Computer. Wolodin, der Vorsitzende der russischen Staatsduma, forderte seine Landsleute, die im vergangenen Jahr Russland verlassen hatten, auf, nach Russland zurückzukehren, bevor es dafür zu spät ist. Viele derjenigen, die ausgereist sind, haben dies bereits bereut. Sie sind im Westen auf Russophobie gestoßen und auf Weltanschauungen, die sie nicht teilen. Die Hälfte der damals Ausgereisten, ist auch schon wieder zurückgekehrt.

Wolodin zitierte den tschechischen Präsidenten Petr Pawel, der in einer Rede an die Zeiten des Zweiten Weltkrieges erinnert hat, wo die USA alle Japaner, die in den USA lebten, interniert haben. Und der tschechische Präsident rief dazu auf, in ganz Europa aufmerksam auf alle Russen zu achten … Ob er der freiheitlich-demokratischen Gemeinschaft Westeuropas empfiehlt, die Auslandsrussen in ein Konzentrationslager zu stecken, überließ er der Phantasie seiner Zuhörer.

Wolodin selber aber erinnerte seine Landsleute daran, dass es solche Zeiten gab und das sich diese wiederholen könnten. Sie sollten zurückkehren, so lange dies noch möglich ist.