Diplomaten sind die Postboten der Regierung. Sie haben die Aufgabe, Nachrichten eines Absenders an einem Empfänger zu übergeben. Aber wenn der Postbote unqualifiziert ist?
Zu DDR-Zeiten habe ich mich in meiner Freizeit ein wenig mit dem Thema Diplomatie beschäftigt. Ein Buch, welches die Arbeit eines Diplomaten, das diplomatische Zeremoniell und das diplomatische ABC beschrieb, bis hin, wie man Formulierungen und Verhaltensweisen richtig interpretiert bzw. versteht, fesselten mein Interesse. Ich kam zu der Überzeugung, dass Diplomaten hochqualifizierte Leute sind und ich beneidete diese ein wenig. Als gelernter Außenhandelskaufmann war ich ja auch so eine Art Diplomat – eben nur auf kommerzieller Ebene.
Dann kamen Zeiten der Ernüchterung, wo ich erkannte, dass es auch bei den Diplomaten unterschiedliche Qualitäten gibt. Seit 2005 spürte ich dies in Kaliningrad.
Grafik: Generalkonsuln 2005-2023 und eine inoffizielle Wertung deren Tätigkeit
Mit jeder Diplomaten-Rotation im deutschen Generalkonsulat (in der Regel alle drei Jahre), kam ich immer mehr zu der Erkenntnis, dass in dem Gebäude in der ul. Thälmana, bzw. ul. Leningradskaja, bzw. ul. Demjana Bjednogo, nicht wirklich Personen saßen, die sich um die Entwicklung der Beziehungen zwischen beiden Ländern zu kümmern hatten.
Videoeinspielung: Gebäude des deutschen Generalkonsulats in Kaliningrad
Dort saßen auch keine Personen, deren erstrangige Aufgabe es war, Visa für russische Staatsbürger auszustellen. Und dort saßen auch keine Personen, die sich um das Wohl und Wehe der in Kaliningrad ansässigen Deutschen Gedanken machten. Ganz im Gegenteil hatte ich den Eindruck, als ob die dortigen Beamten den Deutschen das Leben schwer machten – merkwürdige Dinge passierten im Verlaufe von 18 Jahren.
Wäre es wirklich so gewesen, dass sich diese „Gruppe deutscher Beamter“ um Visaangelegenheiten und die Betreuung deutscher Staatsbürger im Gebiet Kaliningrad gekümmert hätte, so wären die Domizil-Bedingungen für das Generalkonsulat wohl etwas solider organisiert worden.
Grafik: Auszug aus der Historie des deutschen Generalkonsulates in Kaliningrad
So jedoch habe ich über die Jahre seit 2005 den Eindruck gewonnen, als ob sich diese Beamten mehr um die Betreuung der Fünften Kolonne, von mir aus nennen wir diesen Personenkreis auch „pro-deutsch“ oder „Opposition“ gekümmert hat und die wenigen Kulturmaßnahmen und die Visaaktivitäten nur genutzt hat, um wirkliche Aktivitäten zu tarnen.
Videobegleitung: Ausgewählte Gäste bei Empfängen des deutschen Generalkonsulats in Kaliningrad
Die Existenz des deutschen Generalkonsulats seit 2005 ist eine einzige Geschichte von Provokationen und Skandalen. Für diejenigen, die sich mit dem Generalkonsulat und dessen Arbeit etwas intensiver beschäftigt haben, ist klar, dass Deutschland mit der Einrichtung des Generalkonsulats nur eine temporäre Schwäche Russlands und Russlands Gutgläubigkeit ausgenutzt hat, um einen Platzdarm für das zu schaffen, was langfristig geplant war: Die Heimholung des verlorenen Gebietes, zumindest jedoch dessen politischer Neutralisierung.
Grafik: 750 Jahre Stadtjubiläum – Gründung des deutschen Generalkonsulats
Mit vielen Handlungen des Generalkonsulates wurde Russland gedemütigt. Und Russland ließ sich dies jahrelang gefallen.
Die wohl größte Provokation war der Auftritt des deutschen Vizekonsuls für Kultur Daniel Lissner, am 28. August 2014, im ehemaligen Deutsch-russischen Haus, mit einer antirussischen Hetzrede. Es war wohl der Testfall für Deutschland, ob man die in Kaliningrad ansässigen RusslandDeutschen als Fünfte Kolonne oder Helfershelfer für antirussische Aktivitäten missbrauchen kann.
Grafik: Kontaktpflege des Vizekonsuls für Kultur Daniel Lissner in Kaliningrad
Die zweitgrößte deutsche Provokation in Kaliningrad erfolgte wenige Tage später – aus Anlass des Jahrestages der deutschen Einheit am 3. Oktober 2014. Es erschienen erstmals deutsche Militärs im damals noch Deutsch-russischen Haus. Im vollen Bewusstsein, dass man den abgeschlossenen Vertrag zur Arbeit dieser, mit Steuergeldern aus der Kasse des deutschen Innenministeriums geförderten Einrichtung, verletzt, erschienen die Militärs jedes Jahr – bis Russland die Faxen dicke hatte und das Haus schloss.
Grafik: Deutsches Militär im Deutsch-russischen Haus in Kaliningrad
Ich weiß, dass mich jetzt wieder eine Vielzahl von Briefen erreichen wird, die mich aller möglichen antideutschen Aktivitäten beschuldigen und mich beleidigen werden. Ich bin dies seit dem Zeitpunkt gewohnt, wo ich begonnen habe, die unqualifizierte, antideutsche, antirussische Arbeit des deutschen Generalkonsulates öffentlich zu machen. Zum Glück gibt es für alles, was ich geschrieben habe Zeugen und Beweise und sollte es notwendig sein, so wird auch dies öffentlich gemacht – es werden peinliche Momente für die Bundesrepublik Deutschland werden.
Grafik: Sympathiebekundungen von Kultur-Deutschen
Nun hat sich Deutschland aber entschlossen, dieses Generalkonsulat zu schließen. Man folgte mit dieser Entscheidung nicht dem polnischen Beispiel.
Das polnische Generalkonsulat existiert noch, wurde aber bereits vor einem Jahr personell leergeräumt. Dort hält sich nur noch die Generalkonsulin auf – also eine rein symbolische Anwesenheit.
Videoeinspielung: Polnisches Generalkonsulat in Kaliningrad
Vor wenigen Tagen äußerte sich der polnische Premier, dass es unklug wäre, den polnischen Botschafter aus Russland abzuziehen oder die diplomatischen Beziehungen abzubrechen, denn dann würden die Polen, die sich in Russland aufhalten, schutzlos sein.
Lassen wir mal den Fakt außen vor, dass in Russland weder Polen noch Deutsche bedroht werden – so ist es aber schon interessant, folgt man der Logik des polnischen Premiers – das Deutschland sich mit der Schließung seines Generalkonsulates in Kaliningrad, keine Gedanken um das Schicksal der Deutschen macht, die in der Blockaderegion leben und auch weiterhin leben wollen.
Und die Anzahl der Deutschen, die Kaliningrad als neuen Lebensmittelpunkt wählen, scheint zu wachsen. Ich treffe in der letzten Zeit immer mehr Deutsche in der Stadt, die entweder schon hier leben oder aber eine Übersiedlung planen.
Im Verlaufe meiner Gespräche mit diesen Deutschen – die häufig erst die russische Sprache lernen wollen – stellte ich fest, dass viele sich überhaupt nicht auskennen mit den tausend Dingen des täglichen Lebens. Ich stelle aber auch fest, dass viele Deutsche verkehrte Informationen haben. „Das hat mir ein anderer Deutscher erzählt“ oder „das hat so in einem Internetforum über Russland gestanden“, - so die häufige Antwort.
Aber man organisiert sein neues Paradies nicht nur mit Erfahrungsaustauschen an Stamm- und Trefftischen, wo häufig auch die Situation so ist, dass man sein eigenes Wort nicht versteht, oder alle durcheinanderreden und man sich am Ende fragt: Worüber haben wir denn eigentlich gesprochen?
Videoeinspielung: Trefftisch Deutschsprachiger
(Begleittext: Gut zum Bier trinken und DeutschWurstEssen. Zu laut, um ernsthaft und verständlich über Probleme zu sprechen).
Und es steht die Frage, was die Deutschen, die in Kaliningrad leben und nach dem Weggang des deutschen Generalkonsulates auch weiterhin leben wollen, tun sollten, um nicht in den Sog undiplomatischen Verhaltens des deutschen Staates zu gelangen.
Leider denke ich, was die politische Entwicklung anbelangt, negativ. Wir haben den absoluten Tiefpunkt in den Beziehungen zwischen Deutschland und Russland noch nicht erreicht und ich persönlich möchte eigentlich die Situation des Jahres 2015 für Deutsche verhindern.
Erinnern Sie sich?
Im Jahre 2015 wurde ein russisches Militärflugzeug über syrischem Luftraum durch die Türkei abgeschossen. Im Ergebnis dessen, haben viele türkische Bürger, Studenten, Unternehmer Russland verlassen müssen. Sie waren ein Sicherheitsrisiko. Zum Glück haben beide Länder diesen Zwischenfall schnell reguliert. Dies hat aber den betroffenen türkischen Bürgern wenig geholfen.
Und wenn Deutschland ein russisches Flugzeug abschießt … naja, Sie verstehen schon, dass ich dies sinnbildlich meine!
Ich habe diesen Zwischenfall damals genutzt, um Ordnung in meinem Exil-Leben zu schaffen. Ich habe die russische Staatsbürgerschaft beantragt und Dank der noch geltenden deutschen Gesetzgebung habe ich hierzu auch „nur“ fünf Jahre gebraucht. Ich bin zwar nach wie vor Deutscher, aber dem russischen Staat durch Treueschwur verpflichtet. Der russische Staat weiß jetzt: Ich bin in erster Linie russischer Staatsbürger und das hilft mir, zukünftige „Situationen“ unzweifelhaft zu meistern.
Grafik: Treueschwur bei Erhalt der russischen Staatsbürgerschaft
Aber es gibt natürlich Deutsche, die keine russische Staatsbürgerschaft wollen. Sie wollen einfach nur in Kaliningrad leben. Und wir, also wir, die wir in Kaliningrad leben, sollten darüber nachdenken, wie wir für uns ein problemloses und sorgenfreies Leben in Kaliningrad organisieren können, denn immerhin hat der deutsche Staat mit seinem Beschluss, das Kaliningrader Generalkonsulat zu schließen, den hier lebenden Deutschen signalisiert: Euer weiteres Schicksal ist uns egal … tschüss!
Kaliningrad ist eine geopolitisch empfindliche, vielleicht sogar die empfindlichste Region in Russland. Sollte nicht etwas getan werden, dass die Deutschen, die hier leben, zeigen, dass sie sich in Russland loyal aufhalten und sich durch keinerlei ausländische Politik beeinflussen oder missbrauchen lassen? Es sind nur wenige Deutsche im Kaliningrader Gebiet, vielleicht 30, vielleicht 50. Sollten diese sich nicht in einer unbürokratischen Form zusammenfinden, um die alltäglichen Erfahrungen auszutauschen, Tipps zu geben und sich einfach nur gegenseitig helfen bei der Bewältigung der tausend Kleinigkeiten im Kaliningrader Alltag?
Wenn es gelingt, eine derartige Gruppierung „Kaliningrader Auslandsdeutsche“ zu schaffen, bin ich überzeugt, dass an uns, also an die, die der deutsche Staat jetzt, durch die Schließung des Generalkonsulats „schutzlos“ zurücklässt, jedes Ungemach vorübergeht und wir weiterhin in Kaliningrad unsere Lebensplanung erfüllen können.
Die Sprache der Diplomaten ist französisch – zumindest war dies historisch so. Und als ich mir Gedanken machte, wie man die Kaliningrader Organisation der Exil-Deutschen nennen könnte, kam mir in den Sinn: „Sanssouci“ – „Sorglos“ oder auch mit russischem akzent „Зорглоз»
Sie sahen einen Beitrag von „Baltische Welle“. Vielen Dank für Ihr Interesse und Ihre Aufmerksamkeit. Tschüss und Poka aus Kaliningrad.